Titelbild

1. Einstieg ins Feld

 

Die Flüchtlingshilfe zeigt sich sowohl bundesweit als auch lokal und regional als ein dynamisches Feld. Die Akteur/innen reagieren auf unterschiedliche aktuelle und langfristige Bedarfe und müssen sich damit fortlaufend verändern und anpassen. Freiwilligenagenturen sind als engagementfördernde Infrastruktur besonders als Informations-, Beratungs-, Vernetzungs- und Projektentwicklungsstellen gefragt. Hilfreich ist zunächst eine individuelle, an den Kompetenzen, Ressourcen und dem Profil der Freiwilligenagentur orientierte Rollenklärung. Dabei ist es wichtig, die Bedarfe und die jeweiligen Rahmenbedingungen vor Ort mitzudenken und im besten Fall die anderen Akteure mit einzubeziehen.

Leitfragen zur Rollenklärung

  • Welche Ziele verfolgt die Freiwilligenagentur in der Flüchtlingshilfe?
  • Welche Organisationen sind bereits in der Flüchtlingshilfe vor Ort aktiv?
  • Wer unterstützt bereits in welcher Form Flüchtlinge? Wie gut vernetzt ist die Agentur bereits mit diesen Akteuren?
  • Welche Aufgabenfelder werden bereits gut abgedeckt (z.B. durch die Kommune), was ist noch offen bzw. unbefriedigend, welche Bedarfe werden noch nicht (angemessen) bedient?
  • Welche Informationen und Beratungsangebote brauchen Freiwillige? Was ist bereits vorhanden, was muss noch recherchiert und angeboten werden?
  • Brauchen Initiativen, Helferkreise und Organisationen (auch aus Wirtschaft, Politik oder Kultur) Unterstützung und wenn ja, welche?
  • Welche Kompetenzen und Ressourcen kann die Freiwilligenagentur einbringen? Gibt es bereits (eigene) Kontakte zu Geflüchteten?
  • Wo lassen sich die neuen Bedarfe mit den bereits länger bestehenden Angeboten der Freiwilligenagenturen verknüpfen?
  • Wie kann die Aufrechterhaltung des „traditionellen“ Angebots der Agentur gewährleistet werden?

Haltung

Die Hilfe für Geflüchtete ist komplex. Es handelt sich um ein besonderes Engagementfeld, das an vielen Stellen herausfordernd, ressourcenintensiv und nicht „nebenbei“ zu bedienen ist. Wenige Felder sind wohl im Moment stärker politisch aufgeladen als die Aufnahme und Integration von Flüchtlingen in unsere Gesellschaft. Es ist also kaum möglich, nur zu vermitteln und zu moderieren: Es braucht eine (politische) Haltung für die Arbeit in diesem Engagementbereich. Ein mögliches Beispiel dafür ist das Selbstverständnis des Freiwilligenzentrums Kassel, das sowohl auf der Website als auch im Schaufenster des Freiwilligenzentrums kommuniziert wird:

Wir stehen für Vielfalt und Toleranz!

  • Wir sind politisch neutral, konfessionell ungebunden und arbeiten verbandsübergreifend.
  • Wir sind einzig dem Bürgerengagement und seinen förderlichen Strukturen verpflichtet.
  • Wir fördern freiwilliges Engagement als verbindendes Element zwischen Nationalitäten, Kulturen, Religionen und sozialen Schichten.
  • Wir unterstützen das Engagement der Menschen unabhängig von Geschlecht, Abstammung, Hautfarbe, Herkunft, Glauben, sozialer Stellung oder sexueller Identität.

Eine Selbstverortung bzw. ein (neues) Selbstverständnis auf der Grundlage der Menschenrechte ist dahingehend wichtig, um auch einen Begründungszusammenhang liefern zu können, warum man eine Zusammenarbeit, z.B. mit rechtsnationalen Organisationen oder aber auch fundamentalreligiösen Einrichtungen ablehnt.

Neben allen Herausforderungen in der Flüchtlingshilfe ergeben sich durch sie auch Chancen: Sichtbarer, unmittelbarer und anschaulicher lässt sich kaum die Leistungsfähigkeit einer Freiwilligenagentur aufzeigen. Auch das oft unscheinbare Feld der Kooperations- und Netzwerkpflege erfährt dabei eine neue, starke Resonanz. Viele Verwaltungen und Organisationen öffnen sich für die Zusammenarbeit mit Freiwilligenagenturen, die damit die Möglichkeit haben, stärker als bisher Engagementstrukturen vor Ort mitzugestalten. Da es sich eine Freiwilligenagentur fast nicht leisten kann, bei diesem (engagementpolitischen) Zukunftsthema keinen Beitrag zu leisten, ist es also eher die Frage der Intensität und der Profilierung der einzelnen Aufgabenfelder. Wo könnte der Einstieg und was das Fundament einer Freiwilligenagentur sein und wo steckt (eher) ihr Entwicklungspotenzial?

Aufgabenfelder und Angebote von Freiwilligenagenturen

Fundament: „Für Einsteiger“                                                                        

  • Rollenklärung der Freiwilligenagentur mit (politischer) Haltung
  • Grundwissen zur Situation von Flüchtlingen vor Ort
  • Überblick zur Struktur der Flüchtlingshilfe vor Ort
  • Beteiligung an relevanten Netzwerken
  • Kontaktaufbau und -pflege mit Helferkreisen/Initiativen, Migrantenselbstorganisationen und weiteren relevanten Organisationen und der Kommune
  • Beratung von Einsatzstellen, Entwicklung neuer Einsatzbereiche, Bereitstellung (Veröffentlichung und Vermittlung) von aktuellen und unterschiedlichen Engagementmöglichkeiten
  • Beratung von Freiwilligen, die bereits im Feld aktiv sind oder es werden möchten

 

Entwicklungspotenzial: „Für Fortgeschrittene“

  • Beratung von Organisationen und Initiativen zur Implementierung und Durchführung eines Freiwilligenmanagements
  • Unterstützung von Organisationen (z.B. bzgl. Ressourcen, Organisationsentwicklung und-aufbau)
  • Eigene Projektentwicklung und -umsetzung
  • Aufbau und Moderation von Netzwerken
  • Übernahme von Koordinationsaufgaben
  • Anstoß und Mitgestaltung von trägerübergreifenden Veranstaltungen für Fortbildung, Supervision, Austausch und Projektentwicklung
  • Gemeinsame Strategie- und Vorhabenentwicklung mit Partnern zur Integration von geflüchteten Menschen

 

Foto: OHE – Fotolia.com

Empfehlungen zum Weiterlesen

Weitere Materialien