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10. Patenschaftsprojekte entwickeln und umsetzen

 

Eine besonders häufig angebotene wie nachgefragte Engagement- und Begegnungsform sind Patenschaften mit Geflüchteten, bei denen in einer angeleiteten und begleiteten Eins-zu-Eins Beziehung sich z.B. ein Erwachsener über einen längeren Zeitraum kontinuierlich um ein geflüchtetes Kind kümmert oder ein Mentor über einen bestimmten Zeitraum (i.d.R. mindestens ein halbes Jahr) sich einer Flüchtlingsfamilie annimmt. Die Attraktivität des Engagements liegt vor allem in seiner Unmittelbarkeit, sowohl was die direkte Beziehung als auch die konkrete Wirkung angeht, da durch die Intensität oftmals schnell eine persönliche Bindung entstehen kann und die damit verbundenen Lernfortschritte oft eindrücklich zu erleben sind. Diese Engagementform ist für Freiwillige, gerade bei der besonderen und sensiblen Zielgruppe Kinder und Jugendliche, zeit- und für die Organisationen begleit- und qualifizierungsintensiv. So wird von mindestens einem, oftmals zwei Treffen in der Woche und einer häufig mehrtägigen Qualifizierung und einer dauerhaften Supervision ausgegangen.

Die Erfahrung aus den vergangenen Jahren zeigt, dass die komplexen Aufgaben und der Zeitaufwand, die mit der Stiftung von Patenschaften verbunden sind, oft unterschätzt werden.

Rahmenbedingungen

thumbnail of LF-Patenschaften_webUm gelingende Patenschaften zu organisieren, braucht es aber eine Reihe von Rahmenbedingungen wie:

  • mindestens eine/n Koordinator/in mit vielfältigen sozialen Kompetenzen (z.B. Wertschätzung, Empathie, Menschenkenntnis, Rollenverständnis, interkulturelle Sensibilität usw.)
  • Infrastruktur und Finanzierung, Klärung von formalen Rahmenbedingungen (Versicherung, Kinder und Jugendschutz, Pflegerichtlinien)
  • einen Zugang zu den Zielgruppen bzw. eine wirksame Freiwilligengewinnung
  • eine klare Struktur für Vorbereitung, Patenschaftsanbahnung (Auswahlkriterien), Patenschaftsvermittlung (Passgenauigkeit beim Matching) und Patenschaftsbegleitung (Gespräche, Supervision, Konfliktbearbeitung)
  • Fortbildungs-und Unterstützungsangebote für Pat/innen
  • Kontinuität in der Begleitung

Die Aufzählung ist dem bagfa-Leitfaden: „Patenschaften – ein Modell für Freiwilligenagenturen? Ein Leitfaden für die Praxis“ (PDF) entnommen. Diese Broschüre beschreibt nicht nur die einzelnen Aufgabenbereiche der Koordination, sondern dient auch als Entscheidungshilfe, welche Rolle eine Freiwilligenagentur beim Thema Patenschaften spielen kann.

Patenschaftsprojekte - Beispiele

Folgende Freiwilligenagenturen haben eigene Patenschaftsprojekte auf den Weg gebracht:

Die Kölner Freiwilligen Agentur e.V. vermittelt z.B. zum einen Patinnen und Paten für die außerschulische Begleitung von Flüchtlingskindern, um die Eingliederung in Regelklassen zu vereinfachen. Zum anderen können Freiwillige als Mentoren/-innen für Flüchtlingsfamilien für ein halbes Jahr eine Mentorenschaft für neu nach Köln zugewiesene Flüchtlingsfamilien übernehmen. Sie unterstützen die Neuankömmlinge bei der Orientierung in der Stadt. Die Freiwilligen-Agentur Halle-Saalkreis e.V. organisiert Willkommenspatenschaften für Kinder aus Flüchtlingsfamilien: Die Patinnen und Paten stehen den Kindern beim Lernen der deutschen Sprache zur Seite und helfen beim Einleben in der neuen Umgebung. Das Freiwilligenzentrum Augsburg führt die Projekte „Flüchtlingslotsen – Begleitung von Flüchtlingen in die Stadtgesellschaft“ und „Flüchtlingspaten – Patenschaft für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge“ durch. Ähnliche Patenschaftsprojekte bieten unter anderem auch die FreiwilligenAgentur Fabrik Osloer Straße e.V. (Patenschaften für Flüchtlingsfamilien) und die Freiwilligenagenturen Rosenheim (Patenschaften für junge Flüchtlinge) an.

Was bei Patenschaften für Geflüchtete besonders zu beachten ist

  • Das Tandem-Prinzip mit seiner 1:1-Konstellation beruht auf einem eher individualistischen Konzept. Viele Geflüchtete ziehen es vor, wenn sie sich nicht „isoliert“, sondern zusammen mit einem oder mehreren Freiwilligen treffen können und auch eigene Bezugspersonen, wie Familienmitglieder oder Freunde zu einer Begegnung mitbringen können.
  • Aufgrund der Fluchterfahrung ist vielen Familien der Zusammenhalt wichtig bzw. noch wichtiger als ohnehin schon. Gleichzeitig entwickelt sich oft eine so genannte Akkulturationskluft, weil Kinder schneller die Sprache und Regeln der neuen Kultur lernen als die Eltern. Da dies u.U. zu familiären Konflikten führen kann, wird empfohlen auch Familien-Patenschaften anzubieten.
  • Geflüchtete sind Menschen in großer Not – und oft stärker angewiesen auf Hilfeleistungen anderer als dies bei anderen typischen Zielgruppen von Patenschaftsprojekten der Fall ist. Besonders bei Kindern ist auf deren große Vulnerabilität (Verwundbarkeit) zu achten. Zugleich möchten Geflüchtete nicht dauernd über ihre Hilfebedürftigkeit definiert werden. In der Regel sind sie gewohnt und gewillt, für sich und die Familie zu sorgen. Besonders wichtig ist es daher, dass in Patenschaften auch ihre Stärken und Fähigkeiten wahrgenommen werden und zur Geltung kommen.
  • Freiwillige werden mit der Not und den Wünschen Geflüchteter konfrontiert. Praktisch bedeutet das, die Freiwilligen müssen entscheiden, wo sie helfen wollen und wann dies über ihre Fähigkeiten und Bereitschaft hinausgeht. Eine Begleitung ist entsprechend bedeutsam.
  • Gibt es keine gemeinsamen Sprachkenntnisse, kann die Verständigung schwierig sein. Zumindest der Einstieg bzw. die erste Begegnung wird wesentlich erleichtert, wenn ein Dolmetscher dabei ist.
  • Viele Geflüchtete kommen aus Ländern, die andere Zeitkonzepte leben. Außerdem müssen oft Termine bei Ämtern oder Beratungen etc. wahrgenommen werden. Bei Treffen ist wichtig zu berücksichtigen, dass sich Zugewanderte an „deutsche Pünktlichkeit“ noch gewöhnen. Hilfreich ist es daher, das Treffen noch einmal am selben Tag zu bestätigen bzw. daran zu erinnern.
  • Alle Seiten müssen damit rechnen, dass die Patenschaftsbeziehung jäh unterbrochen werden kann – weil Geflüchtete an einen anderen Ort ziehen oder gar abgeschoben werden. Auch hier ist es wichtig, sich auf diesen Ernstfall vorzubereiten.

bagfa-Projekt „Ankommenspatenschaften“

logo_bagfa_ankommpaten_300_2Seit März 2016 setzt die bagfa ein eigenes Modellprojekt „Ankommenspatenschaften“ um. Gefördert im Rahmen von „Menschen stärken Menschen“, einem Bundesprogramm des BMFSFJ, bringen 28 Freiwilligenagenturen Neuzugewanderte und Einheimische zusammen – und zwar in einer innovativen Form, die erstmals erprobt wird. Anders als die gängigen langfristig angelegten Patenschaftsformate ist das Modellprojekt bewusst niedrigschwellig gestaltet. So entstand der Ansatz der „Ankommenspatenschaften“: Eine Freiwillige bzw. ein Freiwilliger zeigt einem geflüchteten erwachsenen Menschen die Stadt, erzählt über den Alltag und weist auf öffentliche Orte und Einrichtungen hin, die für neu Zugewanderte interessant und nutzbar sind: Bildungs- und Kultureinrichtungen oder Freizeitangebote. Jedes Tandem trifft sich zunächst drei Mal, jeweils für Erkundungsgänge, die individuell auf die Bedarfe des Geflüchteten eingehen. Beide Seiten können sich begegnen und bei einer gemeinsamen Aktivität kennenlernen. Erste Erfahrungen zeigen:

  • Das Angebot ist bei geflohenen Menschen gefragt. An vielen Standorten gibt es Wartelisten. Geschätzt wird die Begegnung, das Kennenlernen, die Wertschätzung, das neue Wissen, das Freiwillige vermitteln, und nicht zuletzt die Gelegenheit, das eigene Deutsch zu verbessern.
  • Der Prozess des „Ankommens“ in einem neuen Land hat viele Ebenen. Über die erste Orientierung hinaus können dabei Freiwillige eine wertvolle Unterstützung sein.
  • Die zeitlichen Anforderungen niedrig zu halten, war erfolgreich: Für den Großteil der Freiwilligen war dies ein entscheidender Anreiz zum Engagement für einen Geflüchteten.
  • Nach den ersten drei Treffen werden die Begegnungen oft fortgesetzt. Aus dem niedrigschwelligen Einstieg kann ein längerfristiges Engagement entstehen.
  • Für Freiwilligenagenturen wirkt das Projekt oft wie ein Katalysator: Sie erreichen neue Gruppen von Freiwilligen, entwickeln durch die Erfahrungen mit den Tandems neue Angebote oder vertiefen die Kooperationen mit anderen Akteuren der Flüchtlingshilfe.

 

thumbnail of patenschaftsprojekte_menschen_staerken_menschen_bagfa_bas_ibsDie bagfa hat sich im Laufe des Jahres 2016 regelmäßig mit der Bundesarbeitsgemeinschaft Seniorenbüros e.V. (BaS) und der Initiative Bürgerstiftungen (IBS), beide ebenfalls Projektträger des Programms „Menschen stärken Menschen“ getroffen, um sich fachlich auszutauschen. Die Broschüre „Patenschaften verbinden“ (PDF) zieht eine erste Bilanz und gibt Einblick in die Erfahrungen vor Ort. Sie zeigt auf, wie Patenschaften mit unterschiedlichen Herangehensweisen funktionieren, gibt konkrete Tipps zur Gestaltung von Patenschaften und lässt verschiedene Tandems zu Wort kommen. Hervorzuheben ist außerdem ein Beitrag über gelingende Beziehungen von Misun Han-Broich von der Evangelischen Hochschule Berlin.

 

 

 

 

 

 

Foto: Marcus-Andreas Mohr

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