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12. Was wichtig wird, was wichtig bleibt

 


„Es gibt keinen anderen Ausweg aus der Krise, in der sich die Menschheit sich befindet, als Solidarität. Die Entfremdung, die Barriere zwischen uns und den Fremden, den Etablierten und Außenseitern muss überwunden werden. Der erste Schritt dazu ist die Aufnahme des Dialogs. Aus Fremden müssen Nachbarn werden.“
(Zygmunt Bauman im Interview mit dem SPIEGEL, auch hier nachzulesen)

Das Engagement mit Geflüchteten ist ein programmatisches und politisches Feld. Mit der Entscheidung in diesem Feld aktiv zu werden positioniert sich jede Freiwilligenagentur. Durch das Engagement für und das Engagement von Flüchtlingen werden Zufluchtssuchende zu Bürger/innen, die ihre (neue) Gesellschaft mitgestalten. Mit dieser Sichtweise erweitert sich die Rolle der Freiwilligenagentur von (neutralen) Mittlerinnen zu Fürsprecherinnen einer inklusiven Gesellschaft und zu Themenanwältinnen für Engagement und Partizipation.

Die Herausforderungen eines solchen Veränderungsprozesses sind groß, zunächst geht es darum eine (politische) Haltung zu entwickeln, nach außen selbstbewusst zu vertreten und durch zu halten, eine an den Möglichkeiten und ressourcenorientierte Rolle im Feld einzunehmen und gleichzeitig das breite Angebots- und Aufgabenprofil der Freiwilligenagenturen zu verstetigen. Das bedeutet:

  • besondere Angebote, Aktionen und Projekte von, für und mit Geflüchtete(n) zu entwickeln, um Erfahrungen zu sammeln und überhaupt die Zielgruppe zu mobilisieren und zu ermutigen aktiv zu werden und möglichst zeitnah unter Diversity-Gesichtspunkten in Regelangebote zu überführen bzw. die Regelangebote der Freiwilligenagenturen inklusiv zu öffnen.

  • keine Bevorzugung einer Zielgruppe vorzunehmen. Zwar gibt es (noch) viele Fördermittel in diesem Bereich. Das kann soweit führen, dass zwar Zielgruppenangebote wie. z.B. Patenschaftsprojekte für geflüchtete Kinder zunehmen, aber andere Angebote z.B. für Kinder aus bildungsfernen Schichten nicht mehr aufrechterhalten werden können. Dies sollte politisch thematisiert werden.

  • kein (staatlicher) Integrationsdienstleister zu werden: Über Förderungen wird z.B. auch eine Hierarchisierung innerhalb der Zufluchtssuchenden vorgenommen, also für Menschen mit Bleibeperspektive und Menschen ohne Bleibeperspektive. Außerdem zeigt sich auch, dass es inzwischen auch grenzwertige (bezahlte) Angebote für Freiwillige gibt, die z.B. als Integrationslotsen weitreichende Beratungen vornehmen, die eher im professionellen Kontext abgesichert sein sollten. Auch hier gilt es zu vermitteln und dafür zu werben, dass das bürgerschaftliche Engagement eine eigenständige und eigensinnige Kraft bleiben muss.


Die Bürger/innen und die gesamte Zivilgesellschaft haben gezeigt, welche integrative Kraft das bürgerschaftliche Engagement entfalten kann. Jetzt gilt es aus diesen Erfahrungen zu lernen, denn die sorgenvollen, skeptischen und leider auch ablehnenden Stimmen werden immer lauter: Gleichzeitig scheint sich mancherorts die zunächst kooperative Haltung der Kommune zu verändern und die alten, trägen Strukturen wieder zum Vorschein zu kommen, überspitzt in Form von nicht-partizipativer Anerkennungskultur gesprochen: „Danke, dass ihr aktiv ward, aber jetzt übernehmen wir wieder das Ruder.“

Das alles kann dazu führen, dass die immensen Herausforderungen der sogenannten zweiten Phase des Ankommens und der Integration sogar eher wieder verschlafen werden und vermeintliches „Business-as-usual“ eintritt. Es fehlt noch an gemeinsamen (Bund-Länder-Kommune) Strategien, die das bürgerschaftliche Engagement als unabhängige gestalterische Kraft ernst nehmen und bereit sind, flächendeckend in seine notwendigen Strukturen zu investieren. Allerdings - und das ist auch eine gute Nachricht - wird sich dieses Thema nicht verwalten und ad-hoc steuern lassen, sondern es wird sich immer wieder in positiven wie negativen Kontexten seine Bahn brechen. Und darauf können die Freiwilligenagenturen vorbereitet sein, mit ihren Geschichten von Begegnung und Integration, ihren Projektideen und ihrer Vision des engagierten, gesellschaftlichen Miteinanders. Gemeinsam können wir uns für die Forderung nach einer inklusiven Gesellschaft einsetzen, die Bürger/innen die Bürger/innen, egal woher sie kommen, ob eingeschränkt oder nicht, ob jung oder alt, zu Alltagshelden und Zukunftsdenker(innen) macht und sie zum Mitmachen, Mitdenken und Mitgestalten in guten Engagementstrukturen einlädt. Dann hätte das bürgerschaftliche Engagement die Kraft und das Potenzial, die Gesellschaft nachhaltig zu verändern: zu einer solidarischen Willkommens- und Bleibegesellschaft, in der sich alle beteiligen können.

Tobias Kemnitzer, Geschäftsführer bagfa e.V.

 

Fotos: Giorgio Montersino [CC BY-SA 2.0], Susanne Frerichs

Zukunftsperspektiven