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5. Freiwillige informieren, vorbereiten und begleiten

 


Engagement sollte unkompliziert und niedrigschwellig möglich sein. Das gilt natürlich auch für das Engagementfeld „Flüchtlingshilfe“. Deshalb ist es wichtig, eine gute Balance von fundierten Informations-, Beratungs- und Qualifizierungsangeboten und dem Zutrauen in die Kraft des Engagements an sich zu finden: Denn Freiwillige können, im Vergleich zu professionellen Kräften durch ihr alltagspraktisches Wissen einen besonderen Zugang zu geflüchteten Menschen aufbauen.

Besondere Herausforderungen

Wichtig ist es zu beachten, dass im Vergleich zu anderen Engagementfeldern Freiwillige bei der Begegnung mit Geflüchteten vor besonderen Herausforderungen stehen, da

  • es meistens keine persönlichen Erfahrungen der Freiwilligen gibt. Nur wenige Engagierte haben selbst eine Fluchterfahrung oder verfügten schon im Vorfeld über persönliche Kontakte zu Geflüchteten. Das kann sowohl überfordern als auch eine Hürde im Annäherungsprozess darstellen.
  • es manchmal an einer Kommunikationsbasis fehlt. Oftmals sprechen geflüchtete Menschen noch kaum Deutsch, manchmal Englisch oder Französisch, die Freiwilligen selten eine Herkunftssprache der Flüchtlinge, was zu (sprachlichen) Missverständnissen führen kann.
  • geflüchtete Menschen komplexen Problemlagen ausgesetzt sind, die Freiwillige nur begrenzt lösen können: In der Regel geht es um existenzielle Fragestellungen, also Aufenthaltsstatus, Asylverfahren, Trennung von anderen, gefährdeten Familienmitgliedern, Wohnen, Arbeiten, Familiennachzug – Bereiche also, in denen Freiwillige nur in Grenzen unterstützen können und wie (im Falle von Asylverfahren) nicht eigenmächtig agieren sollten.
  • es zuweilen interkulturelle Barrieren gibt: Geflüchtete Menschen bringen oftmals andere politische, normative, religiöse und kulturelle Hintergründe mit, die zu kleineren und größeren Irritationen und Verwerfungen führen können.
  • es zu größeren emotionalen Belastungen kommen kann: Ob es die Lebens- und Fluchtgeschichte der Flüchtlinge ist, der bürokratische Alltagsirrsinn oder die drohende Abschiebung oder Verlegung: Freiwillige werden oftmals mit großen emotionalen Herausforderungen konfrontiert, die kaum lösbar sind bzw. ausgehalten werden müssen.
  • es zu persönlichen Anfeindungen kommen kann: Offensive rassistisch motivierte Anfeindungen gegenüber Geflüchteten, aber auch gegenüber Freiwilligen sind glücklicherweise nicht die Regel. Allerdings braucht es Vorbereitung und Strategien des Umgangs mit solchen möglichen Situationen.

Informieren, Beraten, Qualifizieren

Diese Faktoren sollten Freiwilligenagenturen in ihrem Informations- und Beratungskonzept berücksichtigen. Dafür bieten sich z.B. folgende Möglichkeiten bzw. Bausteine an:

  • Den Bereich „Hilfe für Geflüchtete“ als eigenen (Online-)Informationsbereich aufbauen: Die Freiwilligenagentur Magdeburg hat z.B. eine Website erstellt, die einen Überblick über Institutionen und Netzwerke, aktuelle Angebote, Hilfen und rechtliche Rahmenbedingungen gibt. Der Migrationswegweiser bietet aktuelle Hinweise zu Unterstützungsangeboten. Auch die kommunale Freiwilligenagentur „Ich für uns – Heidenheim“ hat alle lokalen Informationen zur Flüchtlingshilfe – in einem Blog – zusammengestellt.
  • Die Engagementfelder in Zusammenarbeit mit den Einsatzstellen transparent darstellen, wie es z.B. die Freiwilligenagentur Cottbus in diesem Dokument (PDF) aufbereitet hat.
  • Viele Freiwilligenagenturen haben ihre Fragebögen um den Bereich Flüchtlingshilfe ergänzt oder sogar einen eigenen Fragebogen zum Engagement für Flüchtlinge erstellt. Die Datenbank Freinet, die viele Freiwilligenagenturen benutzen, hat dazu eigene Features programmiert. Beispiele finden sich z.B. über die Freiburger Freiwilligenagentur oder bei der FreiwilligenAgentur Marzahn-Hellersdorf.
  • Die recherchierten Informationen zur Lebenssituation von Flüchtlingen vor Ort zu „Häufig gestellten Fragen“ bündeln, veröffentlichen und (regelmäßig) aktualisieren, zum Beispiel wie die Freiwilligenagentur Bielefeld.
  • Zu den „Häufig gestellten Fragen“ der Freiwilligen gehören – auch in der Flüchtlingshilfe – die nach Versicherungsschutz, Führungszeugnis und Aufwandsentschädigung. Eine gute Übersicht zu allgemeinen Rechtsfragen im Ehrenamt bietet eine Broschüre (PDF) des Paritätischen Gesamtverbands. Spezifische Informationen zu Führungszeugnissen für Geflüchtete (PDF) und Versicherungsschutz für Ehrenamtliche im Asylbereich (PDF) hat die Landesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagenturen Bayern bzw. die Freiwilligenagentur Regensburg zusammengestellt.
  • Zur Vermeidung erster kultureller Missverständnisse ist es sinnvoll, Freiwilligen Tipps zum Engagementstart zu geben. Wichtig ist es dabei auch, die Grenzen des Engagements zu thematisieren. Eine praktische Zusammenstellung (PDF) anhand von Schlagwörtern von „Alles Abnehmen“ über „Alles umsonst“ bis zu „Aktionismus“ und „falschen Hoffnungen“ hat die Freiwilligenagentur Landshut veröffentlicht.
  • Psychologische Begleitangebote wie Supervision sind ebenfalls empfehlenswert. Allerdings können diese Formate auch abschreckend für die Freiwilligen wirken. Hier ist Kreativität sowohl in der Namensgebung (z.B. Energiestation) als auch Gestaltung gefragt. In der Regel werden regelmäßige Austauschangebote in lockerere Atmosphäre (z.B. Stammtisch, Freiwilligencafé) an einem festen Ort besser angenommen. Hier können auch Beratungsangebote integriert werden. Ein Beispiel hierfür bietet die TIME OUT – Traumafachberatung. Ein Zusammenschluss aus ausgebildeten Traumapädagog/innen und Traumafachberater/innen, die ihre Ausbildung am Institut für Traumapädagogik Berlin – ITB absolviert haben. Sie bieten kostenlose und zeitnahe Unterstützung für ehrenamtliche Helfer/innen von geflüchteten Menschen an.
  • Für viele Freiwillige sind Qualifizierungen zum Themenfeld ein attraktiver und sinnvoller Einstieg. Bei großer zeitlicher und inhaltlicher Intensität des Engagements sollten Qualifizierungen fester Projektbestandteil sein. Die Angebote können sowohl über Dritte als auch in Eigenregie wie z.B. bei der Freiwilligen-Agentur Bremen (Programmbeispiel, PDF) oder in Trägerverbünden gemeinsam angeboten werden, wie beispielsweise bei „engagiert in Ulm“ oder beim Centrum für bürgerschaftliches Engagement in Mülheim a.d.R. Ein guter Partner kann die örtliche Volkshochschule sein. Die Freiwilligenagentur Magdeburg organisiert in Kooperation Themenabende zu unterschiedlichen Aspekten wie „Zusammenleben in Vielfalt“ oder „Umgang mit traumatisierten Flüchtlingen“. Für mögliche Inhalte von Qualifizierungen gibt es (für die Gemeindearbeit) eine ausführliche Arbeitshilfe (PDF) in drei Einheiten der Diakonie Hessen und der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck.

 

Foto: Freiwilligenagentur Magdeburg

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