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6. Freiwillige gewinnen

 


Während in den ersten Monaten der Willkommenskultur vor allem die Grundversorgung der Geflüchteten und das Informationsmanagement darüber im Vordergrund stand (Wo kommen wann welche Flüchtlinge an? Wie viele Freiwillige werden wo am schnellsten gebraucht?), hat sich die erste Versorgungslage – auch dadurch, dass derzeit weitaus weniger Flüchtlinge ankommen – zumindest stabilisiert. Mit dieser Entwicklung einher ging auch eine Normalisierung und Professionalisierung des Engagementbereichs durch (in der Regel befristete) Stellen der Freiwilligenkoordination in den Unterkünften und Kommunen.

Ende 2015/Anfang 2016 war das Interesse, sich für Geflüchtete zu engagieren noch so groß, dass Freiwilligenagenturen bzw. Kommunen neue Wege finden mussten, um der großen Nachfrage gerecht zu werden (z.B. Telefon-Hotlines). Allerdings lässt sich beobachten, dass die vielzitierte „Welle der Hilfsbereitschaft“ abgeebbt ist. Mittlerweile stehen Freiwilligenagenturen vor der Herausforderung, neue Freiwillige zu finden, die sich für und vor allem auch mit Geflüchteten engagieren. Ein Rückgang des Interesses nach der großen historischen Bewegung mit der entsprechenden öffentlichen Aufmerksamkeit im Sommer 2015 ist nachvollziehbar: Das Engagement findet auch nicht mehr die gleiche Resonanz in den Medien wie zu Beginn. Dass jetzt die entscheidenden Prozesse für die Integration erst beginnen, ist ein Umstand, der wenig kollektiv bewusst ist bzw. öffentlich eher als ein schier unlösbares Problem dargestellt wird. Hinzu kommt, dass Ereignisse wie der Anschlag in Ansbach und die Übergriffe in der Silvesternacht in Köln bei einem Teil der Gesellschaft (Berührungs-) Ängste verstärkt oder ausgelöst haben und die Vielschichtigkeit und Komplexität der Herausforderung aufgezeigt haben. Umso wichtiger ist es, weiterhin positiv für das Engagement und die Begegnung von Einheimischen und Flüchtlingen zu werben und davon zu erzählen.

Folgende (neue) Ideen zur Gewinnung von Freiwilligen finden sich in den Freiwilligenagenturen:

  • Eine besondere Aufforderung zum Engagement ist die Kampagne mit Kinospot (entstanden aus einem pro bono-Engagement einer Werbeagentur) des Freiwilligenzentrums Caleidoskop.




  • Die Nutzung neuer Online-Plattformen, um vor allem auch junge oder „neue“ Engagierte anzusprechen (z.B. GoVolunteer oder HelpTo )

  • Die Mobilisierung von neuen Nachbarschaften, also Bildungseinrichtungen wie Schulen oder Unternehmen und Vereine in der Nähe von Unterkünften ansprechen und die Entwicklung von Aktivitäten, z. B. mit einem Kulturverein oder mit einem Theater gemeinsame Veranstaltungen mit Einheimischen und Geflüchteten organisieren, wie beispielsweise die Kooperation des Welcome-Treffs der Freiwilligen-Agentur Halle-Saalkreis mit den Bühnen Halle.

  • Die Ansprache bestimmter Zielgruppen intensivieren, z.B. sind Männer in der Flüchtlingshilfe eher unterrepräsentiert. Sport kann hier Anreize zu mehr Engagement geben. Die Freiwilligenagentur Landshut vermittelt z.B. über ein eigenes Sportbüro Sport- und Freizeitangebote und initiiert sportliche Aktivitäten. Die Freiwilligen-Agentur Osnabrück begleitet Sportlotsen: Freiwillige verabreden sich mit Flüchtlingen zu Sportangeboten in Osnabrücker Sportvereinen, unterstützen beim Erstkontakt mit den Teilnehmenden und Übungsleiter/innen und helfen bei der Anmeldung im Verein.

  • Das Angebot regelmäßiger Austauschtreffen an einem festen Ort, zum Beispiel bei einem Kooperationspartner oder in einem Nachbarschafts-Café. Diese können als Begleitangebote für bereits engagierte Freiwillige gestaltet werden, aber auch als niedrigschwellige Angebote, um in Kontakt mit Geflüchteten zu kommen.

  • Regelmäßige Informationen zum Feld bzw. aktuelle Engagementmöglichkeiten in einem Newsletter bündeln z.B. die Freiwilligenagenturen Cottbus und Köln.

  • Die Öffentlichkeitsarbeit und Kooperation mit den lokalen Medien verstärken und Geschichten von Begegnung und Integration erzählen, eingebettet in einer Vision, wie gemeinsam Stadt/Integration gestaltet werden kann. Zwei gelungene Beispiele finden sich in den Eimsbütteler Nachrichten und im Weser-Kurier.



Foto: EhrenamtsAgentur Weimar

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