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7. Geflüchtete Menschen informieren und erreichen

Begriffsdiskussion: Flüchtling, Geflüchtete/r, Zufluchtssuchende/r - oder Bürger/in und Mensch

„Das Wort Flüchtling ist vielleicht nicht hoch problematisch, aber doch potenziell bedenklich. Es kann Situationen oder Menschen geben, in denen oder denen gegenüber das Wort abwertend empfunden wird, und diese Empfindung wird durch die Struktur des Wortes gestützt. Das Wort Geflüchtete/r ist dagegen in seiner Bedeutung völlig neutral und kann in jeder Situation verwendet werden, also sowohl dort, wo das Wort Flüchtling problematisch sein könnte, als auch dort, wo es das nicht ist. Noch besser wäre ein Wort wie Zufluchtssuchende/r, das in seiner Bedeutung nicht nur neutral ist, sondern uns daran erinnert, warum die so Bezeichneten bei uns sind“. (Anatol Stefanowitsch, Sprachwissenschaftler, zitiert aus seinem Sprachlog)

Die bagfa verwendet alle drei Begriffe analog, zum einen da der Begriff des „Flüchtlings“ auch im juristischen („anerkannter Flüchtling“) und offiziellen Kontext („Bundesamt für Migration und Flüchtlinge“) verwendet wird, zum anderen, um mit den Begriffen variantenreicher umzugehen und somit auch die verschiedenen Grenzen und Konnotationen der Begriffe mit zu formulieren. Gleichzeitig wird und muss es zukünftig darum gehen, auf zielgruppenspezifische Zuschreibungen zu verzichten, wenn es nicht der Projektkontext verlangt, denn schließlich ist ja das wichtigste Ziel von Integration und Inklusion alle Menschen als engagierte Bürger/innen anzusprechen und zu gewinnen.

Hintergrund

Es gibt nicht „den“ Flüchtling, genauso wenig wie es „den“ Freiwilligen gibt. Geflüchtete Menschen unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Herkunft, ihres Bildungsstatus‘, ihres kulturellen und religiösen Hintergrunds. Hinzu kommt die folgenreiche Unterscheidung nach der Bleibeperspektive durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF): Im Jahr 2016 wird sie Geflüchteten aus den Herkunftsländern Eritrea, Irak, Iran, Syrien und Somalia zugesprochen. Das bedeutet, dass Menschen, die aus diesen Ländern geflohen sind, an einem vom BAMF geförderten Integrationskurs teilnehmen können und mit großer Wahrscheinlichkeit einen Aufenthaltsstatus erhalten. Für einige kann dieser Prozess bis zu zwei Jahren in Anspruch nehmen und wieder andere „landen in der Duldung“, die wenig Handlungsmöglichkeiten erlaubt und zumeist einen Verbleib in einer Unterkunft für Geflüchtete nach sich zieht. Was die Menschen verbindet, die in den letzte Jahren zu uns gekommen sind, ist ihre Flucht- und Ankommenserfahrung: Dabei können drei Phasen beobachtet werden: „Erst die Euphorie. Dann die Enttäuschung. Und irgendwann der gesunde Blick für die Realität.“ (Sabine Menkens, in ihrem Beitrag „Wir sind stark, wir können euren Wohlstand mehren“, Welt.de, 2. September 2016)

Und die Realität zeigt sich nüchtern: Die Antragsverfahren dauern lange an, der Zugang zum Arbeitsmarkt und zu Bildungsangeboten ist vielfach eingeschränkt und eine eigene Wohnung und Unterkunft zu finden ist mehr als herausfordernd. So ist der Alltag oftmals geprägt von Unsicherheit, Wartezeiten, Frustration oder Langeweile und Orientierungslosigkeit. Anlaufstelle kann hier das „SeeleFon“ für Flüchtlinge des Bundesverbands der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen (BApK) e.V. sein. Gemeinsam mit dem BKK-Dachverband bietet der BApK ein mehrsprachiges Beratungstelefon (weitere Informationen, PDF) an, mit dem sich Menschen mit Fluchterfahrungen und anderem Migrationshintergrund Hilfe holen können, wenn sie ihre seelische Balance verloren haben.

Wer ist meine Zielgruppe, wie und wo kann ich sie erreichen?

Zunächst ist es wichtig die Zielgruppe der Geflüchteten für die Freiwilligenagentur zu definieren: Wendet sich die Freiwilligenagentur mit ihren Angeboten an alle zufluchtssuchenden Menschen oder spricht sie nur einen bestimmten Teil, also Kinder, Familien, Frauen, junge Männer an. Je nachdem sollten auch die entsprechenden Angebote an den spezifischen Bedarfen der jeweiligen Zielgruppe ausgerichtet sein.

Sprachliche Hürden überwinden

Grundlegend ist auch die Frage nach den Kommunikationskompetenzen und -möglichkeiten der Freiwilligenagentur und der Geflüchteten. In welcher Sprache ist es möglich zu kommunizieren: auf Deutsch, Englisch oder Französisch? Gibt es darüber hinaus die Möglichkeit weitere Sprachen zu bedienen? Häufige gesprochene Sprachen sind neben Arabisch, z. B. Kurdisch oder Persisch. Um sprachliche Hürden zu überwinden könnte auf Kooperationspartner, Migrantenselbstorganisationen oder auf „eigene“ ehrenamtliche Dolmetscher/innen zurückgegriffen werden. Einige Freiwilligenagenturen haben bereits einen ehrenamtlichen Dolmetscher-Pool (z.B. die Freiwilligen-Agentur Köln, Freiwilligenagentur Cottbus) aufgebaut.

Vielfach ist es auch möglich, sich mit Händen und Füßen zu verständigen. Zumindest für den einfachen Alltagsgebrauch liefern auch

wichtige Anhaltspunkte. Allerdings sollte Grundsätzliches, wie z.B. Vereinbarungen zu Patenschaften, in den jeweiligen Muttersprachen vorliegen, um Missverständnisse zu vermeiden. Das Freiwilligenzentrum Kassel hat Fragestellungen wie „Was ist das Freiwilligenzentrum?“ oder „Was ist freiwilliges Engagement?“ in einfacher Sprache und ins Arabische übersetzen lassen.

Es empfiehlt sich außerdem, Angebote der Freiwilligenagentur auch in Englisch zur Verfügung zu stellen. Unter dem Titel „Volunteer work in Weimar suitable für refugees“ (PDF) hat die Ehrenamtsagentur der Bürgerstiftung Weimar z. B. Engagementangebote zusammengestellt. Es handelt sich dabei z.B. um Angebote, bei denen keine ausgeprägten Deutschkenntnisse nötig sind. Für die Beratung gibt es gesonderte Sprechzeiten. Auch das Forum Ehrenamt Königswinter bietet regelmäßige Sprechstunden für Flüchtlinge an.

Kommunikationswege bauen

Neben der Recherche der Vor-Ort Situation braucht es Zugangs- und Kommunikationswege der Freiwilligenagentur. Hier bieten sich die Zusammenarbeit und Kooperationen mit Unterkünften, Migrantenselbstorganisationen, religiösen Gemeinschaften und Helferkreisen an. Auch die kommunalen Institutionen, wie das Sozialamt oder das Jobcenter sind wichtige Partner in der Information von geflüchteten Menschen. Sie stellen, wie auch eine örtliche Gebäudewirtschaft, eine wichtige Anlaufstelle auf dem Weg der Integration dar und werden regelmäßig von vielen Geflüchteten frequentiert. Es ist wichtig, dass auch die Freiwilligenagentur vor Ort präsent ist und sich persönlich bzw. auch über ehrenamtliche Vertrauenspersonen Kommunikationswege aufbaut. Gerade auch gängige Social-Media-Anwendungen, mit denen sowohl zahlreiche Geflüchtete als auch Freiwillige im Alltag kommunizieren, wie Facebook, Twitter oder WhatsApp, können für diese Kommunikationswege genutzt werden. Großes Potenzial steckt vor allem in der Mund-zu-Mund-Weitergabe innerhalb verschiedener Communities. Hier ist es wiederum wichtig, möglichst die „Wortführer/innen“ bzw. „Multiplikator/innen“ zu identifizieren und einzubinden, das heißt diejenigen, deren Stimmen in der Community besonderes Gewicht haben. Sobald die ersten Teilnehmenden positiv über Begegnungs- und Engagementerfahrungen berichten, ergeben sich oftmals wie von selbst weitere Kontakte.

Was noch zu beachten ist?

Es ist wichtig, den Aufenthaltsstatus der Geflüchteten gut zu kennen. So ist z.B. die Wahrscheinlichkeit der Abschiebung bei Personen aus sogenannten „sicheren Drittstaaten“ (wie Tunesien, Marokko, Algerien) deutlich höher als bei anderen Herkunftsländern (wie z.B. Syrien). Das soll keinesfalls bedeuten, dass die Angebote der Freiwilligenagentur exklusiv nur bestimmten Geflüchteten-Gruppen zur Verfügung stehen. Allerdings ist es nötig eine Umgangsstrategie zu entwickeln, also „Was bedeutet es für uns oder bspw. den Freiwilligen, wenn ein Flüchtling abgeschoben wird? Wie positioniert sich die Freiwilligenagentur dazu?“

Informationsmaterialien zum Ankommen

Es gibt eine Vielzahl von Informations- und Orientierungsangeboten für geflüchtete Menschen in verschiedenen Sprachen, zum Beispiel

  • von ProAsyl
    ProAsyl stellt auf seiner Website verschiedene Angebote vor, die Flüchtlingen dabei helfen können, sich in Deutschland zurechtzufinden.
  •  den RefugeeGuide
    Der RefugeeGuide gibt Geflüchteten Orientierung in der ersten Zeit des Aufenthaltes. Die erste Auflage wurde bereits Anfang Oktober 2015 veröffentlicht. Mittlerweile wurde die Orientierungshilfe erweitert. Bei der Überarbeitung wurden Menschen aus verschiedensten Ländern eingebunden. Besonders hilfreich: Der RefugeeGuide ist in 17 Sprachen (inklusive Leichter Sprache) und in verschiedenen Publikationsformen, z.B. als Website und als kostenfreies PDF, erhältlich.
  • das Refugee Radio Network
    Das Refugee Radio Awareness Network ist ein unabhängiges Projekt, das sich den Menschenrechten und deren Entwicklung verpflichtet hat. Kern des Projekts ist das Refugee Radio Network (RRN), ein Radioprogramm, welches Flüchtlingen und Migranten/innen in prekären Lebensumständen eine Stimme verleiht und Gehör verschafft. Es ist ein Online-Gemeinschaftsradioprogramm und wird in Hamburg gestaltet.
  • Marhaba-Willkommen-Videos
    Besonders zugänglich sind die Videos des arabisch-sprechenden Journalisten Constantin Schreiber, der in seinen Marhaba-Willkommen-Videos über die deutsche Gesellschaft und (Alltags-)Kultur aufklärt. Diese können auch gut bei einem gemeinsamen Begegnungsformat eingesetzt werden, da es eine deutsche Untertitelung gibt.

Angebote für Geflüchtete können als Materialsammlung auch auf der Website der Freiwilligenagentur zur Verfügung gestellt werden, wie zum Beispiel bei der Freiwilligen-Agentur Halle-Saalkreis.

 

Foto: Marcus-Andreas Mohr

Weitere Materialien